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Als ich heute Unterlagen sortierte, fand ich welche zu meinem damaligen Krankenhausaufenthalt vom 24. -28.10.2012.

Ich erinnere mich an schöne, sonnige Tage zwischen der Diagnose und der Operation, an denen die Angst mit der Hoffnung verflochten war. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich aussehen werde, ob ich überlebe oder mir des weiteren Lebens nicht bewusst sein würde. Es war schwierig, meine Mama über den Grund und die möglichen Folgen der Operation zu informieren.

Wäre ich heute mit einer ähnlichen Entscheidung konfrontiert, würde ich losmarschieren, ohne über die Folgen nachzudenken, aber das habe ich erst viel später verstanden. Ich konnte nicht mehr schlafen, gab vor, hart zu sein, lachte, dass es nur ein kosmetischer Eingriff wäre und ertränkte so die Angst, die ich nicht offenbaren konnte. Ich habe verstanden, dass gesunde Menschen oft nicht über Krankheiten sprechen können, weil sie nicht wissen, wie - und ob sie überhaupt trösten sollten. Nur mein bester Freund fragte, wo und mit welcher Musik ich verabschiedet werden möchte. Ich erlebte den Höhepunkt der Angst am Tag vor der Operation, als der Arzt die gesamte Liste möglicher Komplikationen sorgfältig aufzählte. Zum ersten Mal war ich froh, dass ich nur die Hälfte der deutschen medizinischen Begriffe verstehe.

Einige Stunden später lernte ich wieder zu laufen; das Gefühl der mangelnden Kontrolle über den Körper war mir unbekannt.

Ich erinnere mich an eine Patientin, eine junge Frau im Alter von 38 Jahren, die seit 7 Jahren gegen Krebs kämpft und ihre Tochter aus Hilflosigkeit und Überforderung anschrie. Ich war sehr glücklich, denn trotz des Risikos von Komplikationen war mein "unangemeldeter Bewohner" operabel, und ich hatte keine Metastasen.

Meine Freundin wiederholt oft, auch wenn ich Fehler mache oder denke, etwas verloren zu haben, ich trotzdem gewonnen habe. Ich bin dankbar, dass sie mich immer wieder daran erinnert, denn in solchen Momenten verstehe ich, was wichtig ist und worauf ich verzichten kann.

Meine Erinnerung schreibe ich nicht nur für mich selbst, es gibt auch andere Gründe, indirekte.

Ich bin der Meinung, dass es manchmal besser ist, nichts zu sagen, als mit "Sei stark, das wird schon" zu trösten. Jeder von uns hat das Recht auf Schwäche und Angst, die die zwischenmenschlichen Grenzen verwischt. Und es gibt kein Verständnis bei mir, wenn ich höre, dass ich mir keine Sorgen machen soll, wenn der Boden unter meinen Füßen wegreißt und es nur noch den Abgrund gibt.

Ein weiterer Grund ist das Recht, Angst zu empfinden. Vor der Operation konnte ich nicht darüber sprechen, und danach hörte ich nur - vergiss, das war schon. Erst nach 3 Jahren, bei einer anderen Operation, als ich bei der Anamnese den Gehirntumor erwähnte, hörte ich von den Ärzten "O Gott, O Gott" und machte den lang erstickten Emotionen Luft.

Der letzte Grund ist, dass Worte gedankenlos gesprochen werden. Ich habe oft gehört, dass ich zugenommen habe, wodurch mein Unbehagen wuchs und ich in noch größere Komplexe fiel. Es stimmt,  lebensrettende Medikamente haben auch Nebenwirkungen. Bevor du also anfängst, jemanden zu kritisieren oder zu verurteilen, denke darüber nach, ob du das Recht dazu hast.

Auch die Worte, ich sei geisteskrank, waren schmerzhaft. Nein, ich bin es nicht und ich war es nicht; ich hatte nur einen Tumor, der entfernt wurde. Mein IQ hat sich nicht geändert, nur die Prioritäten und Werte.

Ich bin froh, am Leben zu sein und über schwierige Themen sprechen zu können. Jeder von uns kann eine ähnliche Situation erleben, deshalb ermutige ich zum Dialog. Es gibt nichts Schlimmeres als unausgesprochene Worte, denn für ein solches Gespräch kann es immer zu spät sein.

 

Anna,

Berlin März 2018

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